Einführung von Prof. Dr. Wolfgang Klooß

Grußwort und Einführung von Prof. Dr. Wolfgang Klooß



Liebe Ausstellungsbesucher*innen,

 

wer schon einmal in dem ca. 45 Autominuten nordwestlich von Toronto gelegenen Dorf Kleinburg war, kennt auch die „McMichael Canadian Art Collection“, eine 1966 eröffnete Kunstgalerie mit Schwerpunkt auf Werken der „Group of Seven“, ihrer Zeitgenossen, der First Nations, der Inuit und der Métis.

 

Wenn Kleinburg zur Pilgerstätte für Kunstinteressierte geworden ist, so vor allem deshalb, weil mit den Gemälden der Malergruppe Werke ausgestellt werden, die als künstlerischer Ausdruck von Kanadas Weg zur Selbstfindung im ausgehenden 19. und den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts begriffen werden können. Es finden sich zudem in Kleinburg Exponate der mit der „Group of Seven“ assoziierten Emily Carr und von Tom Thomson, dem Wegbereiter der männlichen Malergemeinschaft.


Die Mitglieder der „Group of Seven“ hatten seinerzeit die Großstadt verlassen, um an der Georgian Bay und im Algonquin Park ihre Sujets zu suchen und Anregungen für eine eigene kanadische Bildersprache zu finden. In den Werken der aus Victoria stammenden Emily Carr rückte dann auch die pazifische Küste, die Heimat der First Nations von British Columbia, in den Fokus.


Um die künstlerische Selbstfindung dieser Maler besser nachvollziehen zu können, möchte ich den gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext kurz skizzieren: Kanadas Identitätssuche im Gefolge der Konföderationsbildung von 1867 changierte zwischen Internationalismus, Kontinentalismus und nationaler Orientierung. Aus dem Ersten Weltkrieg ging das Dominion dann mit einem deutlich gestärkten Selbstbewusstsein gegenüber England hervor und wurde 1919 Mitglied im Völkerbund. Die Bestrebungen nach Unabhängigkeit stießen aber nicht überall auf Zustimmung, sahen viele Kanadier doch die Zugehörigkeit zum Empire gerade in wirtschaftlicher Hinsicht als einen Vorteil an. Entschieden wurde die Diskussion zugunsten des kontinentalen Isolationismus, der zum Grundprinzip der kanadischen Außenpolitik in den 1920er und 30er Jahren wurde. Auf dem Weg in die Selbständigkeit stellte das Westminster Statut von 1931 einen bedeutenden Schritt dar: Kanada wurde gesetzgeberisch unabhängig und war nun auch legitimiert, seine Außenpolitik eigenständig wahrzunehmen. 


In der Kunst-, Literatur- und Kulturkritik lassen sich Positionen ausmachen, die die Debatte um Nationalismus und Internationalismus aufgreifen und kontrovers diskutieren. Als im Mai 1920 die von dem Gebrauchsgraphiker und Maler Tom Thomson inspirierte „Group of Seven“, zunächst kritisch beäugt, in Toronto erstmals an die Öffentlichkeit trat, um während des folgenden Jahrzehnts nicht nur die Kunstszene von Ontario, sondern die des gesamten Landes zu beeinflussen, hatte die kanadische Malerei ihren Ausdruck gefunden. Thomson, der das Vorbild des ‚neuen kanadischen Künstlers’ abgab, lebte die meiste Zeit im Algonquin Park, wo er als Wildhüter und Touristenführer arbeitete, wenn er nicht gerade seine Hunderte von Ölskizzen anfertigte. In fast legendenhafter Verklärung wurde ihm zugeschrieben, im Laurentian Shield dem kanadischen Wesen nähergekommen zu sein als jemals ein Künstler zuvor.


Nachdem 1882 die „National Gallery of Art“ in Ottawa eröffnet worden war, die vorrangig aus England immigrierte Landschaftsmaler ausstellte, zog es in der Folge zahlreiche kanadische Künstler nach Paris, dem aufstrebenden Mekka der Moderne. Hier schworen sie der Landschaftsdarstellung ab und wandten sich großformatigen figurativen Bildern zu, mit denen sie dann den Akademiestil in der Heimat beeinflussten. Andere blieben in Paris und versuchten sich an impressionistischen Darstellungen, ohne allerdings zur Formulierung eines nationalen Signums kanadischer Kunst beizutragen.


Ich streue an dieser Stelle einen kleinen literarischen Exkurs zur besseren kulturgeschichtlichen Verortung der „Group of Seven“ ein.


Während sich amerikanische Autoren vom Range eines T.S. Eliot, Ernest Hemingway, Scott Fitzgerald oder einer Gertrude Stein in Paris einfanden und das Experiment der Moderne verfolgten, dabei mit Malern wie Henri Matisse, Pablo Picasso und Georges Braque zusammenkamen und der Kubismus reüssierte, fand die Moderne in der Literatur Kanadas kaum statt. – Eine Ausnahme bildete lediglich die „Montreal Group“ mit den Lyrikern und Erzählern Leon Edel, A.M. Klein, FR. Scott und A.J.M. Smith. – Die sogenannten „Confederation Poets“ andererseits um Charles G.D. Roberts, Archibald Lampman und Bliss Carman, deren Geburtsdaten in die Zeit der Staatsgründung fallen und die im neuen Dominion eine gewichtige literarische Stimme besaßen, hatten in ihren Arbeiten wohl den Blick für die Landschaften Kanadas geöffnet, sich aber nach wie vor an viktorianischen Beschreibungsmodi orientiert. Und die zeitgenössische Prosa nahm sich zwar vieler kanadabezogener Themen an, griff aber weitgehend auf die aus dem 19. Jahrhundert bekannte Geschichtsromanze und den Abenteuerroman zurück, ignorierte mithin die modernistischen Erzählexperimente eines James Joyce, einer Virginia Woolf oder eines John Dos Passos. Da sich auch das infrastrukturell nur schwach gestützte Theater dem viktorianischen Melodrama und der Musikkomödie kaum entzog, lässt sich etwas provokant feststellen, dass die kanadische Literatur die Moderne eigentlich versäumt hat.


Die Mitglieder der „Group of Seven“ hatten Europa-Erfahrung, sind den Weg nach Paris aber letztlich nicht gegangen und haben sich der Salonmalerei verweigert. Allerdings vertraten sie ein Credo, demzufolge es galt, der Internationalisierung entgegenzuwirken, gleichwohl aber ein neues Idiom zu finden, das die Einmaligkeit der kanadischen Erfahrung darzustellen vermochte. Es hieß, eine vitale Kunst zu schaffen, die sich nicht europäischen Impulsen verdankte, sondern auf das besann, was das Land zu bieten hatte. Nach Auffassung der Gruppe verfügte Kanada über alle historischen und geographischen Voraussetzungen für eine unabhängige nationale Schule mit eigenen Themen und eigenem Stil. Die Malergemeinschaft griff dabei auf die regional unterschiedlichen Erscheinungsformen der Landschaft zurück, die sie mittels expressionistischer Darstellungsformen in einer bis dato in Kanada nicht gekannten Weise dem Betrachter vor Augen führte. Traditionelles Sujet und modernistische Form wurden so in den Bilderwelten der „Group of Seven“ miteinander verwoben. Die einheimische Natur bot nicht nur den thematischen Fundus für die Künstler, sondern fungierte auch als Katalysator auf deren Weg zur Selbstentdeckung, während gleichzeitig die Großstadt zum Lebensraum der meisten Kanadier wurde.


Auch die Gruppenmitglieder gehörten eigentlich zum urbanen Establishment. Häufig inszenierten sie sich allerdings als Außenseiter, bisweilen auch dandyhaft. Am augenfälligsten verkörperte diesen Künstlertyp der Millionär Lawren Harris, die schillerndste Figur der „Group of Seven“ mit der größten Außenwirkung. Er wandte sich im Laufe seines Lebens immer stärker der Theosophie zu, die ihm mit ihrem Mystizismus und ihrer spekulativen Naturphilosophie eine pantheistische Welterklärung lieferte. Schon früh hatte es ihn in den Canadian Shield gezogen, wo er sich wie Thomsen, mit dem er zusammen in der Wildnis malte, im Gegensatz zur Metropole zu Hause fühlte. Er bewunderte Thomsens intuitiv expressionistischen Naturdarstellungen, zeigte sich aber auch vom romantisch geprägten Transzendentalismus des amerikanischen Dichters Henry David Thoreau beeindruckt, der für zwei Jahre in einer selbst errichteten Blockhütte am Waldon Pond gelebt und einem einfachen Dasein in den Wäldern von Massachussetts gehuldigt hatte. Während eines Besuchs in Berlin kam der ‚frontman’ der „Group of Seven“ dann mit den modernistischen Strömungen des Fauvismus, Symbolismus und des Expressionismus in Kontakt, die ihn sofort faszinierten. 


Wenn in den Arbeiten der „Group of Seven“ eine menschenleere Natur abgebildet wird, so scheint dies auf den ersten Blick eine eurozentrische Perspektive fortzuschreiben, wie sie den Entdeckern, Eroberern und Siedlern zueigen war. In deren Fremdwahrnehmung präsentierte sich Kanada als terra nullius, als leerer, unbewohnter Raum. Die Bilder der Malergruppe beschwören dann die Unwirtlichkeit der Natur und die Bedrohung, die von dieser für den Menschen ausgeht, zugleich aber auch (indirekt) einen Pioniergeist, der ein Überleben in der Wildnis überhaupt erst möglich und diese zu einem Ort uneingeschränkter Freiheit macht. Insbesondere Thomson, der Maler der Wälder, begriff die Bedrohung als kanadische Realität und die Wildnis als Ort der kanadischen Identität. Dies erinnert an Herman Melville, der in seinem Roman Moby Dick (1851) den Kampf zwischen Mensch und Natur – in diesem Fall dem Meer – symbolisch verdichtet und zum Ausgangspunkt der amerikanischen Identitätsfindung gemacht hatte. 20 Jahre später beschwor der irische Militär Sir William Francis Butler in seiner Reiseerzählung The Great Lone Land den Mythos von Kanada als einsamer Wildnis in realistisch-anschaulicher Weise. Und Margaret Atwood proklamierte schließlich in ihrer Studie Survival (1972) das Überleben in einer gefahrenbergenden Natur als ein Grundthema der kanadischen Literatur. Man erkennt eine Kontinuität in der Wahrnehmung des riesigen Territoriums nördlich des 49. Breitengrades, die Literatur und Kunst verbindet, Kanada aber zugleich auch von den USA abhebt und in seiner Selbstprojektion zu einem Land des Nordens macht.


Emily Carr, die 1927 den Mitgliedern der „Group of Seven“ erstmals vorgestellt wurde, malte an der Westküste. Sie war ethnologisch interessiert. Ihre Werke weisen allerdings wie die Arbeiten der „Group of Seven“ ebenfalls kaum Menschen auf. Aber sie zeigen Indigene Dörfer und sind vollgestellt mit totempoles, die in ihrer Machart die unterschiedlichen Kulturen der First Nations an der kanadischen Pazifikküste spiegeln und zugleich den Menschen in ein Spannungsverhältnis von Mythos und Natur setzen. Carr reiste 1910 nach Paris, machte sich mit den Werken von Matisse und Picasso vertraut, blieb allerdings ihrem Sujet treu, wenngleich sie die Darstellung der Indigenen Welt der Westküste Kanadas fortan nachimpressionistisch bzw. expressionistisch überhöhte. 

 

Wie diese knappe Skizze nahelegt, ist das Bild eines naturüberbordeten, menschenfreien Kanada in den Gemälden der „Group of Seven“ gesellschaftspolitisch und kulturhistorisch vorprogrammiert. Zugleich gilt es festzuhalten, daß sich Kanada – anders als die USA  – gerade auch aufgrund der Wirkung der „Group of Seven“ zunächst weniger in der Literatur, denn in der bildenden Kunst erfunden hat.

 

Und nun wünsche ich viel Freude beim (virtuellen) Rundgang durch die Ausstellung.


Ein kleiner Auszug aus der Ausstellung
Magnetic North Ausstellung
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